Lebendige Klosterkultur oder: Wem gehört Alchi?

Vasudhara-Tara Foto: Peter van Ham









In Ladakh, dem „Land der hohen Pässe“ liegt zwischen Aprikosenbäumen und Bergpässen verborgen, ein kostbarer Juwelenschatz: Das Kloster Alchi. Von außen unscheinbar und bescheiden eröffnet sich im Inneren der Tempelanlage das Bildnis einer längst vergangene Welt: Weise Frauen, stolze Reiter, tapfere Krieger, großzügige Familienclans, mitfühlende Könige und gelehrte Übersetzer erzählen von den Geschehnissen, die sich vor etwa 1000 Jahren rund um die Klostergründung abgespielt haben mögen.

Wie in einem reich bebilderten Märchenbuch zeigen die Wandmalereien und Monumentalskulpturen göttliche Wesen, Menschen, Tiere und Blumen in einem Detailreichtum und einer Fülle, die seinesgleichen sucht. Auffällig ist die überbordende Freude und Lebendigkeit, die jeder einzelnen Abbildung innezuwohnen scheint. Kein Wunder: Der buddhistischen Lehre zu begegnen ist keine Selbstverständlichkeit. Im Gegenteil: Nach Auffassung der Buddhisten ist es großes Glück in einem Zeitalter, in welchem ein Buddha wirkt, geboren zu werden. Denn nur, wo ein Buddha lehrt, kann die Befreiung aus dem leidvollen Daseinskreislauf überhaupt angegangen werden. Darüber kann man sich wirklich freuen!

Blaue Beschützerin im Pfauengewand Foto: Peter van Ham

Doch erzählen wir die Geschichte in groben Zügen von Anfang an: Ob nun im 11. oder im 13. Jh. -darüber streiten sich die Gelehrten noch- gegründet wurde das Kloster Alchi, um dazu beizutragen, den Buddhismus als „neue Religion“ in Ladakh zu etablieren.

Nach der ersten Verbreitung des Buddhismus von Indien nach Tibet im 7. Jh. kam es im 9. Jh. zu einem Wiederaufleben der autochthonen tibetischen Bön-Religion und der Vertreibung bzw. Flucht der buddhistischen zentraltibetischen Könige. Deren Nachkommen siedelten sich im äußersten Westen Tibets an der Grenze zu Kashmir und Nepal an und gründeten dort einige kleinere Königreiche. Von Thöling, einem dieser „neuen Herrschaftssitze“ aus, verbreitete sich der Buddhismus dann in einer zweiten Welle über Ladakh und ganz Tibet. Einer dieser buddhistischen Könige ließ in Zusammenarbeit mit dem berühmten Übersetzer Rinchen Sangpo und vielen hochkarätigen kashmirischen Künstlern der damaligen Zeit sakrale Bauwerke errichten, die zum Kennenlernen und praktizieren der neuen Religion einluden. Eines von ihnen war das Kloster Alchi.

In der Architektur des heute berühmtesten Bauwerks von Alchi – des dreistöckigen Sumtsek- lässt sich die Intention „Buddhismus kennenlernen“ gut nachvollziehen: Im Erdgeschoß wurden wichtige Prinzipien der Geistesschulung, nämlich die Entwicklung von Weisheit und Mitgefühl in Form von überlebensgroßen Figuren versinnbildlicht. Besonderen Wert legte man auf die künstlerische Ausfertigung der Beinkleider (Dhotis): Auf dem Dhoti des Bodhisattva der Weisheit Manjushri sind Abbildungen großer indischer Yogis (Mahasiddhas) gezeigt. An prominenter Stelle, nämlich auf dem Dhoti der Monumentalfigur des Bodhisattva des Mitgefühls Avalokiteshvara, wird die Geschichte der Verbreitung des Buddhismus in Ladakh mittels der Könige und wichtiger Unterstützer wohlhabender Familienclans dargestellt.

Das „Ergebnis“ der Geistesschulung bzw. die Inspiration und Möglichkeit der Erleuchtung bzw. der Buddhaschaft wird in der Darstellung des zukünftigen Buddha Maitreya als dritte Monumentalfigur versinnbildlicht. Auf seinem Beinkleid befindet sich die Lebensgeschichte des historischen Buddha Shakyamuni. An den Wänden rund um die Monumentalskulpturen sind viele kleinere und größere Meditationsobjekte in Form von Wandmalereien abgebildet, die dazu dienen, sich mit dem erworbenen Wissen meditativ vertraut zu machen. Vereinfacht gesagt, geht es dann ein Stockwerk höher an die philosophisch schwierigeren Inhalte, für die der Praktizierende die fundamentalen „Kenntnisse des Erdgeschosses“ verinnerlicht haben sollte.

Bodhisattvas Foto: Peter van Ham

In dem kleinen, geschützten Raum, in welchen man sich durch eine enge Tür hineinzwängen muss, wurden den Praktizierenden tiefgründige Inhalte vermittelt. Die drei Monumentalskulpturen des Erdgeschosses schauen dabei durch kleine Fenster in den ersten Stock hinein und sind Zeugen der Initiationen und Belehrungen. Es ist beeindruckend sich vorzustellen, wie im Angesicht der Buddhas und Bodhisattvas praktiziert wurde.

Neben den Königen, den Kriegern, dem Hofstaat, den Musikanten, den Tänzerinnen etc. wurden auch weitere Förderer einflussreicher und vermögender Familienclans, bedeutende Praktizierende, Mönche und Laien auf den Wandmalereien abgebildet. Durch diese Darstellungen gewinnen wir – neben dem Kennenlernen buddhistischer Lehrinhalte- auch einen Einblick in das höfische und religiöse Leben der damaligen Zeit.

Diese Malereien im Original zu betrachten, ist nämlich gar nicht so einfach. Zum einen ist Ladakh ein abgeschiedenes Gebiet im Himalaya. Dazu dringt in den Sumtsek selbst kaum Licht, man kann höchstens mit der Taschenlampe umherleuchten. Aufgrund der Dunkelheit und der Verschmutzung durch Rußablagerungen jahrhundertealter Opfergaben in Form von Butterlampen sind viele Malereien von einer Patina bedeckt und schwer erkennbar.

Dennoch ist es möglich, diese inspirierende Kunst nun im Hier und Jetzt unmittelbar zu erleben. Im Hamburger MARKK läuft die Foto-Ausstellung „Alchi- Klosterjuwel im Himalaya“ noch bis März 2021. Dem Fotografen und Kurator Peter van Ham war es möglich, die gesamte Klosteranlage von Alchi im Detail zu dokumentieren. Mit Kaltlicht und Spezialkamera konnte er sämtliche Malereien ablichten, ja es gelang ihm sogar, die tibetischen Inschriften mittels UV-Licht durch die Schmutz- und Ablagerungsschichten hindurch zu fotografieren. Nun ist möglich, was sich sonst oft so nachteilig auf die fragilen Kunstwerke auswirkt: Die detaillierte Betrachtung und Erforschung der Malereien.

So viele tibetische Klöster wurden im Verlauf der Kulturrevolution unwiederbringlich zerstört. Kein Wunder, dass die heute wenigen noch verbleibenden Klöster wahre Publikumsmagneten sind! Jahr für Jahr besuchen zehntausende Touristen alleine die fragile Klosteranlage von Alchi, um die herrlichen Malereien zu betrachten. Neben den Schäden durch sintflutartige Regenfälle -der Klimawandel macht auch vor den entlegenen Gebieten des Himalayas nicht Halt -, die die Wandmalereien geradezu wegwaschen und dem generell seismisch aktiven Gebiets Ladakhs, stellen die Touristen eine weitere Gefahr für die Malereien dar. Ob es die Mona Lisa im Louvre, der Kölner Dom oder die Wandmalereien Alchis sind: Atmende Menschenmassen gefährden die Kunst.

Insofern sind Ausstellungen und Kataloge mit derartig hochauflösenden Abbildungen der wunderschönen Malereien im Grunde ein Segen. Großartig ausgeleuchtet, lassen sich die seltenen Malereien nun ungeniert betrachten und erforschen. Im Anbetracht der guten Qualität dieser Abbildungen – und nicht nur dieser- könnte man sich fragen, ob es denn heutzutage überhaupt noch notwendig ist, jeder Reiselust nachzugehen, um den halben Planeten zu fliegen – den Klimawandel zu beschleunigen- und somit eigentlich zu zerstören, was wir uns eigentlich so sehr zu erhalten wünschen?

Seit vielen Jahren bemühen sich verschiedene Kräfte darum, das Kloster Alchi endlich auf die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufzunehmen und dadurch seine kulturelle Bedeutung weltweit zu verankern. Auch der Verein SPAH e.V. (Society for the Preservation and Promotion of Asian Heritage) sammelt Spenden, um Alchi restaurieren zu können und die Kunstschätze so vor der Zerstörung zu retten. Als ungewöhnliche Aktion, um weitere Gelder für die Restaurierung Alchis zu generieren, ist z.B. die Versteigerung der monumentalen Fotografien am Ende der Ausstellungslaufzeit im MARKK zugunsten des Vereins geplant.

Wie aber steht die ladakhische Community eigentlich selbst zu den Erhaltungsplänen? Wer hat das Recht zu entscheiden, was mit dem Kloster Alchi geschieht? Anders gefragt: Wem gehört das kulturelle Erbe? Was wäre, wenn sich ladakhische Buddhisten anstelle kostspieliger Renovierungsarbeiten an einem verfallenden Bauwerk eher Unterstützung in der Errichtung einer neuen Tempelanlage wünschten?

Erinnern wir uns an den Anfang der Geschichte: Gegründet wurde Alchi als ein lebendiger Ort der buddhistischen Praxis. Wenn diese religiöse Anlage inzwischen aber so fragil ist, dass man befürchten muss, bei der Praxis durch herabstürzende Deckenteile verletzt zu werden oder man die religiösen Wandmalereien aufgrund der Zerstörung kaum noch erkennen kann, erfüllt die Anlage dann überhaupt noch seinen Zweck? Wäre hier ein Neubau nicht eher im Sinne der ursprünglichen Intention?

Diese Gedanken sind bezogen auf das Kloster Alchi im Augenblick nur theoretischer Natur. Es wäre sehr schade, diesen kostbarer Juwelenschatz verfallen zu lassen oder gar abzureißen. Dazu sind die Malereien von zu hohem kunsthistorischen Wert und einmalige historische Zeugnisse großer Kunstfertigkeit. Aber es ist wichtig, die Meinung der Menschen vor Ort abzufragen und ernst zu nehmen, um bisher übermittelte Denkstrukturen „wir bestimmen, was kulturell wichtig und erhaltenswert ist und was nicht“ kritisch zu hinterfragen. Und um diesen Juwelenschatz langfristig zu bewahren, könnte man vielleicht auch über Alternativen zum Besuch des Originals nachdenken: Vielleicht wäre ein Nachbau wie etwa bei der Chauvet-Höhle in Frankreich möglich? Oder man beginnt ganz generell, seine eigene Reiselust zu jedem Zeitpunkt und zu jedem Ort der Erde zu überdenken und übt sich damit in Genügsamkeit? So vieles ist möglich…

Die Ausstellung „Alchi – Klosterjuwel im Himalaya“ läuft noch bis März 2021 im MARKK in Hamburg.

Einblicke in die heutige, sehr, sehr lebendige Klosterkultur und tägliche Praxis eines unserer unterstützten ladakhischen Nonnenkloster in Wakha erleben Sie hier:

Ladakh/WakhaNonnenkloster
09/2020

Weitere Berichte zu diesem tollen Nonnenprojekt finden Sie hier und natürlich auch hier und hier 🙂

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